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Erkrankungen

Was ist eine Kalkschulter? Symptome und Therapiemöglichkeiten 

Kirsten Weißbacher
Verfasst von Kirsten Weißbacher
Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2026
Lesedauer: 7 Minuten
© dragana991 / istockphoto.com

Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers, doch genau diese Flexibilität macht sie anfällig für Verschleiß und Erkrankungen. Eine der häufigsten Diagnosen bei anhaltenden Schulterschmerzen ist die sogenannte Tendinosis calcarea, im Volksmund besser bekannt als Kalkschulter. Dabei lagern sich Calciumkristalle in den Sehnen der Rotatorenmanschette ab, meist in der Supraspinatussehne.

Betroffene leiden oft monatelang unter diffusen Beschwerden, bevor eine akute Entzündungsphase den Leidensdruck massiv erhöht. Doch die Prognose ist meist gut, da moderne Verfahren wie die Stoßwellentherapie operative Eingriffe in vielen Fällen überflüssig machen. 

Schleichender Beginn und akute Schmerzspitzen 

Das Tückische an dieser Erkrankung ist ihr oft unauffälliger Start. Anfangs spürt man vielleicht nur ein leichtes Ziehen bei Überkopfarbeiten oder beim Anziehen einer Jacke. Mit der Zeit intensivieren sich die Beschwerden jedoch. Besonders charakteristisch ist der nächtliche Ruheschmerz, wenn man auf der betroffenen Seite liegt.

Sandro Meider, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie leitender Arzt am Stoßwellenzentrum NRW, warnt davor, diese Kalkschulter Symptome zu ignorieren. Laut dem Experten treten die stärksten Schmerzen oft gar nicht während der Verkalkung selbst auf, sondern dann, wenn der Körper versucht, das Depot aufzulösen. In dieser Resorptionsphase schwillt das Gewebe an und drückt auf den Schleimbeutel, was zu einer plötzlichen, extremen Bewegungseinschränkung führen kann. 

Wie das Depot entsteht 

Anders als oft vermutet, ist die Kalkschulter nicht zwangsläufig eine reine Alterserscheinung. Die Ursachen liegen in einer Minderdurchblutung der Rotatorenmanschette, die zu einer zellulären Umwandlung führt. Dieser Prozess, die sogenannte Metaplasie, verläuft in mehreren Phasen:

  • Minderdurchblutung der Sehne: Bestimmte Bereiche der Rotatorenmanschette, insbesondere die Supraspinatussehne, sind von Natur aus schlechter durchblutet. Wird die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen weiter reduziert, etwa durch Überlastung oder mechanischen Druck, geraten die Sehnenzellen in eine Mangelsituation.
  • Umwandlung von Sehnenzellen in Knorpelzellen (Metaplasie): Als Reaktion auf die anhaltende Unterversorgung verändern die Sehnenzellen ihren Charakter. Sie wandeln sich in knorpelähnliche Zellen um, da diese besser mit den ungünstigen Bedingungen zurechtkommen. Dieser Umbauprozess erfolgt schleichend und zunächst ohne spürbare Symptome.
  • Einlagerung von Calciumkristallen: Die neu entstandenen Knorpelzellen neigen dazu, Calcium einzulagern. Es bilden sich feine Kristalle, die sich nach und nach verdichten. In diesem Stadium bleibt die Schulter häufig noch weitgehend beschwerdefrei oder zeigt nur unspezifische Schmerzen.
  • Ausbildung eines stabilen Kalkdepots: Mit fortschreitender Einlagerung entsteht ein klar abgrenzbares Kalkdepot innerhalb der Sehne. Dieses kann über Monate oder sogar Jahre bestehen, ohne zwingend Probleme zu verursachen. Erst wenn der Körper beginnt, das Depot aktiv abzubauen, kommt es meist zu den typischen akuten Schmerzen der Kalkschulter.

Nach der Einlagerung folgt häufig eine längere Ruhephase, in der das Depot unverändert bleibt und oft kaum Beschwerden verursacht. Erst wenn der Organismus die Ablagerung als Fremdkörper erkennt und eine Entzündungsreaktion startet, beginnt die schmerzhafte Resorptionsphase. Dieser biologische Selbstheilungsversuch ist zwar unangenehm, aber grundsätzlich ein positives Zeichen.

Der erste Schritt: Konservative Maßnahmen 

Die Diagnose erfolgt meist schnell über ein Röntgenbild oder eine Sonografie, da die kalkhaltigen Ablagerungen dicht sind und sich im Bild hell abzeichnen. In der ersten Phase der Behandlung zielt man primär auf Schmerzlinderung und Entzündungshemmung ab. Zum Einsatz kommen dabei mehrere konservative Maßnahmen:

  • Entzündungshemmende Medikamente zur Reduktion der Reizung: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac werden eingesetzt, um die Entzündungsreaktion im Bereich der Sehne und des Schleimbeutels zu hemmen. Dadurch lassen sowohl die Schmerzen als auch die Schwellung nach, was dem Patienten wieder mehr Bewegungsfreiheit im Alltag ermöglicht.
  • Lokale Injektionen zur gezielten Schmerzlinderung: Bei starken Beschwerden können Injektionen direkt in den entzündeten Schleimbeutel oder den umgebenden Raum verabreicht werden. Diese enthalten meist kortisonhaltige Präparate, die die Entzündung lokal und schnell reduzieren. Ziel ist es, die akute Schmerzphase zu durchbrechen und die Voraussetzung für eine aktive Weiterbehandlung zu schaffen.
  • Gezielte physiotherapeutische Übungen zur Stabilisierung der Schulter: Die Physiotherapie verfolgt das Ziel, muskuläre Dysbalancen auszugleichen und die Schultermechanik zu verbessern. Durch Mobilisations-, Kräftigungs- und Dehnübungen wird der Oberarmkopf besser in der Gelenkpfanne geführt, wodurch sich der Raum unter dem Schulterdach vergrößert und der Druck auf die betroffene Sehne abnimmt.

Ziel der Physiotherapie ist es, den Gelenkkopf in der Pfanne zu zentrieren und den Raum unter dem Schulterdach zu vergrößern, um den Druck auf die betroffene Sehne zu minimieren. Reine Schonung ist dabei meist kontraproduktiv, da sie das Risiko einer Schultersteife („Frozen Shoulder“) erhöhen kann.

Schallwellen gegen die Verkalkung 

Schlägt die konservative Basistherapie nicht ausreichend an oder ist das Kalkdepot zu hartnäckig, greifen Mediziner oft zur extrakorporalen Stoßwellentherapie (ESWT). Sandro Meider setzt dieses Verfahren häufig ein, um eine Operation zu vermeiden. Bei dieser Methode werden energiereiche Schallwellen von außen präzise auf das Kalkdepot gerichtet. 

Der physikalische Reiz bewirkt zweierlei: Zum einen wird die Durchblutung und der Zellstoffwechsel im betroffenen Areal massiv angeregt, was den natürlichen Heilungsprozess beschleunigt. Zum anderen helfen die Stoßwellen dabei, die feste Struktur der Kalkablagerungen zu lockern oder förmlich zu zertrümmern. Der Körper kann die feinen Partikel anschließend leichter über das Lymphsystem abtransportieren.

Für den Patienten bedeutet dies meist eine ambulante Behandlungsserie, die zwar während der Anwendung spürbar sein kann, aber keine Narkose oder Hautschnitte erfordert. Die Erfolgsquoten sind hoch, weshalb die Stoßwelle mittlerweile als Goldstandard der nicht-operativen Kalkschulter-Therapie gilt. 

Wann der Eingriff nötig wird 

Trotz aller modernen konservativen Möglichkeiten gibt es Fälle, in denen der Schmerz chronisch wird oder das Depot so groß ist, dass es mechanisch jede Bewegung blockiert. Wenn über Monate keine Besserung eintritt, bleibt die arthroskopische Entfernung des Kalks die letzte Option. Bei diesem minimalinvasiven Eingriff, oft als Schlüssellochchirurgie bezeichnet, wird das Depot eröffnet und die kalkhaltige Masse abgesaugt. Auch hier folgt eine Rehabilitation, um die volle Kraft der Schulter wiederherzustellen. 

In den meisten Fällen lässt sich durch eine rechtzeitige Diagnose und gezielte Verfahren wie die Stoßwellentherapie die volle Funktion der Schulter jedoch ohne Skalpell wiederherstellen. Geduld ist dabei wichtig, denn der Körper benötigt Zeit, um die Altlasten in der Sehne vollständig abzubauen. 



Fazit: Gute Heilungschancen durch frühzeitige Diagnose und moderne Therapieverfahren

Die Kalkschulter ist zwar eine schmerzhafte und oft langwierige Erkrankung, in den meisten Fällen jedoch gut behandelbar. Entscheidend ist, die Symptome frühzeitig ernst zu nehmen und eine gezielte Diagnostik einzuleiten.

Konservative Maßnahmen wie Schmerztherapie und Physiotherapie bilden die Basis der Behandlung und können bereits zu einer deutlichen Entlastung führen. Reicht dies nicht aus, bietet die extrakorporale Stoßwellentherapie eine effektive, nicht-operative Möglichkeit, den natürlichen Abbau der Kalkdepots zu unterstützen.

Nur in wenigen, therapieresistenten Fällen ist ein operativer Eingriff notwendig. Mit Geduld, fachärztlicher Begleitung und individuell angepassten Therapien lässt sich die Schulterfunktion in der Regel vollständig wiederherstellen.

FAQ zur Kalkschulter und ihren Behandlungsmöglichkeiten

Was genau ist eine Kalkschulter und wie entsteht sie?

Unter einer Kalkschulter versteht man die Einlagerung von Calciumkristallen in den Sehnen der Rotatorenmanschette, meist in der Supraspinatussehne. Ursache ist eine Minderdurchblutung der Sehne, die zu einer zellulären Umwandlung und schließlich zur Kalkablagerung führt.

Welche Symptome sind typisch für eine Kalkschulter?

Anfangs treten häufig nur leichte, diffuse Schmerzen auf, etwa bei Überkopfarbeiten. Im weiteren Verlauf sind nächtliche Ruheschmerzen, Bewegungseinschränkungen und plötzliche Schmerzspitzen charakteristisch – insbesondere während der entzündlichen Abbauphase des Kalkdepots.

Wie wird eine Kalkschulter diagnostiziert?

Die Diagnose erfolgt in der Regel mittels Röntgenuntersuchung oder Ultraschall. Kalkablagerungen lassen sich dabei gut erkennen, da sie sich deutlich vom umliegenden Weichteilgewebe abheben.

Welche konservativen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Zu den konservativen Maßnahmen zählen entzündungshemmende Medikamente, Injektionen sowie gezielte Physiotherapie. Ziel ist es, Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu erhalten und den Druck auf die betroffene Sehne zu reduzieren.

Wann ist eine Operation bei einer Kalkschulter notwendig?

Ein operativer Eingriff kommt nur dann infrage, wenn die Beschwerden trotz monatelanger konservativer Therapie anhalten oder das Kalkdepot die Schulterbewegung mechanisch blockiert. Die Entfernung erfolgt meist minimalinvasiv mittels Arthroskopie.

Über unsere*n Autor*in
Kirsten Weißbacher
Kirsten hat Germanistik in Hamburg studiert und im Anschluss ein Volontariat gemacht. Nach ihrem Start in der Unternehmenskommunikation eines lokalen Herstellers wechselte sie in die freiberufliche Tätigkeit. Seit Februar 2024 ist Kirsten bei Digitale Seiten und schreibt dort Ratgeber zu Handwerksthemen aller Art.